So ticken NorwegerInnen

T. lebt seit fast zwei Jahrzehnten in Tromsø, der größten Stadt nördlich des Polarkreises.

Graues und regnerisches Wetter sei hier fast immer an der Tagesordnung. Teilweise gebe es „bis in den Juni hinein Schnee“. Damals wollte der gebürtige Deutsche hier eigentlich nur ein Auslandssemester verbringen und ist dann aber „hängen geblieben“, wie er sagt. Innerhalb von drei Monaten habe er damals norwegisch gelernt und das sei auch zwingend notwendig, „verschafft dir gleich einen ganz anderen Stand“.
NorwegerInnen seien zurückhaltend höflich aber nicht herzlich. Es könne gut sein, dass man sich den ganzen Abend gemeinsam in einer Bar betrinkt, sich dabei die intimsten Dinge erzählt, aber am Morgen darauf sich keines Blickes mehr würdigt. Generell „… läuft hier ohne Alkohol gar nichts“. Bei einem Bierpreis in der Bar zwischen 8 und 10 € [pro halben Liter] wundert sich der Norwegen-Laie über das geschilderte Prozedere. „Auch Sex gibts nur mit Alkohol“.

Die Reihenfolge sei dabei ungefähr so: „Erst betrinkt man sich in einer Bar und endet am selben Abend in der Kiste. Beim nächsten Treffen wird wieder getrunken, gefolgt von einer erneuten Runde Sex. Erst danach sagt man sich auf der Straße eventuell ‚Hallo‘ “.
Dank T. lernen wir auch Julien S. Bourrelle kennen, der zahlreiche Sozialstudien veröffentlicht und auf kabarettistischen Bühnen präsentiert hat. Von ihm stammt auch folgende Illustration, die laut T. „absolut der Wahrheit entspreche“.

NorwegerInnen, so T. weiter, bleiben eher unter sich im Familienkreis, mit einem kleinen Freundeskreis drumherum. „Sich da als Zugezogener zu integrieren sei anfangs schwer gewesen“,  berichtet T. . Aber nicht unmöglich. „Du musst es nur selbst in die Hand nehmen. Es kommt hier keiner und nimmt dich an die Hand oder lädt dich zur Gartenparty ein“. Über die zahlreichen Sportvereine und die ausgeprägte Musikkultur ließe sich trotzdem „ein Fuß in die Tür bekommen“.
Falls er jemals nach Deutschland zurück müsse, graue es ihm vor dem hohen Maß an Bürokratie. „Hier in Norwegen ist alles sehr viel einfacher“. Auf den Ämtern hier wolle einem keiner was Böses und auch bei Versäumnissen gebe es immer eine Einigung im Sinne des Antragstellers.
Was zur Hölle hält einen aber in dieser Stadt, in der es im Jahr selten über 20 Grad wird, der Himmel durchweg wolkenverhangen ist und die Menschen nur unter Alkohol miteinander sprechen?

„Ach man gewöhnt sich dran“, schmunzelt T., „und irgendwie sei es auch ganz lustig“. Nirgends habe er sich bisher so wohl gefühlt wie hier und die Vorzüge einer ausgeprägten Musik-Szene genossen. Und natürlich die Nähe zur besonderen norwegischen Natur sei es, die ihn auch nach vielen Jahren noch begeistere.
Spätestens mit dieser Aussage ist uns plötzlich alles klar. So rau und verschlossen, zurückhaltend und scheinbar besonders NorwegerInnen für andere Kulturen auch sein mögen, die norwegischen Landschaften sind faszinierend einzigartig und der Umgang der NorwegerInnen mit diesen achtsam und wertschätzend.