Albanien

Eintauchen in eine fremde Welt

 

„Nehmen Sie sich genügend Zeit mit - es gibt viel zu sehen und zu erleben!“ steht in unserem Albanien Reiseführer [Werbung: Reise Know-How, Meike Gutzweiler]. Klingt vielversprechend. Zeit haben wir wirklich genug.

Albanien erreichen wir an Tag 232 unserer Reise. Die Grenzbeamtin fragt uns, ob wir auf der Durchreise nach Griechenland seien. Nein, wir wollen Albanien bereisen! Es ist Ende November und feinstes Frühlingswetter. Das große Albanienschild hinter der Grenze zu Montenegro erinnert uns daran, dass wir in einem ganz besonderen Land gelandet sind.

Willkommen im westlichen Balkan!

Shkodra

Knapp 30 km hinter der Grenze kommen wir direkt durch das etwa 140.000 Einwohner große Shkodra. In Nordalbanien die größte Stadt, mit einer ca. 2400 Jahre alten kulturell und historisch bewegenden Geschichte. Sie ist Zuzugsgebiet zahlreicher Menschen vom Lande. Insbesondere von den Bergdörfern suchen die Menschen in der Stadt ihr Glück. Sofort ist klar: hier herrschen andere, eigene Regeln. Der Verkehr in der vollgestopften Stadt überfordert uns für einen Moment. [Unter „Anekdoten“ haben wir das spannende Abenteuer des Autofahrens in Albanien niedergeschrieben. Im Folgenden ein Ausschnitt…]

Autofahren in Albanien bedarf großer Aufmerksamkeit, denn es geschehen [für MitteleuropäerInnen] allerhand wundersame Dinge. Fahrradwege gibt es nicht, Fahrbahnmarkierungen nur selten. Die Fußwege sind mit Unmengen fliegenden Händlern gefüllt, dass sich zudem der Fußgängerverkehr auf die Straße verlagert. Neben rasanten Motorrollern kommen einem FahrradfahrerInnen als „Geisterfahrer“ auf der eigenen Fahrbahn entgegen. Sehr häufig transportieren sie dabei Benzin in alten Wasserflaschen, Metallstangen, weitere Menschen oder sperrige Möbel auf ihren Zweirädern. Das gesamte Konstrukt ist so wackelig, dass sie nicht selten Gleichgewicht und/ oder Teile ihrer Ladung verlieren.

In den Städten sind [pro Fahrtrichtung] zweispurige Fahrbahnen häufig vorhanden. Bei der Menge an Verkehr sind diese jedoch bei weitem nicht ausreichend. Neben der Fahrbahn parken die Autos in dafür vorgesehenen Nischen dicht an dicht. Auf der Rechten der beiden Fahrbahnen parken jedoch auch regelhaft Autos mit Warnblinker, um „schnell“ mal was zu erledigen. Auf der für den Verkehr übrig gebliebenen linken Spur rollt alles zäh vor sich hin. Zwischen den beiden Spuren schlängeln sich die besagten vollgepackten Zweiräder hindurch. Blinken, oder Sonstiges für eine Richtungsanzeige ist überflüssig  … [den vollständigen Artikel gibts unter Anekdoten - Autofahren in Albanien].

Uns reicht’s jedenfalls fürs Erste und wir brauchen etwas Zeit um in Ruhe in Albanien anzukommen. Auf der gegenüber liegenden Seite des großen Skutarisees finden wir ein ruhiges Plätzchen an einer Moschee, mit herrlichem Blick auf den See und den im Hintergrund gelegenen albanischen Alpen [Prokletije].
Am Abend begegnen wir hier einem Albaner, der als Kind in Deutschland gelebt habe und daher sehr gut deutsch spricht. Bis die Dunkelheit herein bricht unterhalten wir uns mit ihm über die Geschichte Albaniens, dessen gegenwärtige Situation und all die Eigenschaften und Eigenarten welche die AlbanerInnen [angeblich] ausmachen. Es sind sehr interessante, mitunter erstaunliche Einblicke auch in unschöne Seiten des Landes. Vor allem aber bekommen wir einen ersten waschechten und hautnahen Eindruck von Land und Leuten.

Über die Berge bis zum Kosovo

Wir wollen mal wieder in die Berge. Wie auch schon in Montenegro ist das ausschließliche Abfahren der milden Küste, keine Option für uns. Über schmale, aber überwiegend erstaunlich gut ausgebaute Serpentinenstraßen gehts mitten rein in die albanischen Alpen. Erneut genießen wir eine tolle Aussicht in kleine Täler und auf zahlreiche Bergkuppen. Berge rauf und runter, über Hochplateaus, durch kleine Schluchten und durch Wälder fahren wir bei herrlichstem Sonnenschein und blauem Himmel. Am Horizont erhebt sich das imposante und schneebedeckte Jezerca-Massiv, mit bis zu knapp 2700 m Höhe. Nur wenige Dörfer gibt es hier und auf der alten Straße Richtung Kosovo [bevor die Autobahn gebaut wurde] ist nicht viel los. Leider gab es jahrelang illegale Abholzungen im Land, was sofort ins Auge fällt. Die kahlen Stellen wirken wie Narben in der Landschaft.

Als wir über eine weitere Bergkuppe fahren ändern sich die Wetterverhältnisse schlagartig. Als wäre man in einen neuen Raum getreten, befinden wir uns nun in so dichtem Nebel, dass kaum fünf Meter Sicht möglich sind. Die steilen, kleinen Kurven in Kombination mit tiefen Schlaglöchern und abgegangenem Geröll sind so eine echte Herausforderung. Zum Glück schläft klein Rumpel in seinem Kindersitz, als hätte er es geahnt, an diesem Tag besonders lang und ermöglicht uns so eine Fahrt unter höchster Konzentration. Kurz vor unserer Zielstadt Kukes treffen wir auf die Autobahn. Die Auffahrt erfolgt von einem matschigen Feldweg durch ein Loch in der Mittelleitplanke. Natürlich muss man zuvor die Fahrspuren des Gegenverkehrs schräg in deren Gegenrichtung überqueren. Bei hereinbrechender Dunkelheit ein interessantes Manöver. Abenteuerlich, aber nicht weniger lebensmüde als so manch andere Verkehrssituation in diesem Land.

Das Städtchen Kukes liegt gleich an der Grenze zum Kosovo. [Den Gedanken eines kurzen Abstechers dorthin verwerfen wir recht schnell.] Wie in allen größeren Städte in Albanien ist es laut und turbulent, bei unangenehm stickiger Abgas- und Kaminluft. Zudem sind es um die 0 Grad, was uns in einer Unterkunft übernachten lässt. Es soll wohl ein 3-Sterne Hotel sein. Das bunte Flackerlicht am Haupteingang erinnert eher an ein anderes Etablissement und auch der Rest befindet sich, sagen wir mal, im Auf- und Umbauprozess. Wir dürfen im Hof des Hotels parken und erhaschen so auch einen Blick auf die Rückansicht. Die warme Dusche ist nach diesem recht anstrengenden Fahrtag ein Genuss. Und nach Beseitigung herausschauender Nägel aus dem Mobiliar kann Rumpel in Ruhe seinem Bewegungsdrang nachkommen.

Lagunenlandschaft um Patok

Nach eher anstrengenden Tagen, jedoch voller bleibender Eindrücke der albanischen Alpen, zieht es uns zurück ans Meer. Bevor wir uns ins nächste Großstadtabenteuer namens „Tirana“ stürzen, dürstet es uns alle nach ein wenig Regeneration.
An einem idyllischen Platz inmitten der Lagunenlandschaft um Patok tanken wir ordentlich Sonne und Energie. An der Kulisse aus blauem Himmel, Sonnenschein, türkisblauem Meer, Bergen und Häusern auf Stelzen inmitten der Lagunen, lässt es sich nicht satt sehen.

Tirana

Natürlich ist auch in der Hauptstadt mit rund einer Million Einwohnern [die eigentliche Zahl, mit all den Nichtregistrierten, soll noch deutlich darüber liegen] auf den Straßen einiges los. Wir stapfen durch den schon erwarteten Regen [denn der Monat November soll der regenreichste sein] und gelangen auf den Skanderbeg Platz [Skanderbeg ein albanischer Nationalheld aus dem 15. Jhd. und hier mittels Statue verewigt], welcher als Zentrum der Stadt gilt. Entsprechend der Jahreszeit ist hier ein Weihnachtsmarkt aufgebaut, mit einem überdimensioniert großen Weihnachtsbaum.

Die laute Weihnachtsmusik schallt über den Platz und erinnert uns daran, dass wir in unserer eigenen Zeit leben und sich unsere Weihnachtsstimmung bisher auf sehr niedrigem Level befindet.

Tirana ist quirlig und bunt. Die Stadt unterscheidet sich von anderen albanischen Städten. Der auffällige architektonische Stilmix spiegelt Jahrhunderte der Besatzung, rund 40 Jahre strikten und isolierten Kommunismus sowie, dem folgend, wilde Immobilienspekulationen wieder. Maritime, reich verzierte italienische Bauten stehen direkt neben kommunistischen Betonklötzen, funkelnden Glasfronten von Konsumtempeln und verlassenen Hochhausbauruinen. Zwischendrin der besagte Weihnachtsmarkt.
Tirana ist aber nicht nur laut und voll, sondern wunderbar authentisch. In nur kurzer Entfernung zum pulsierenden Zentrum schlendert man durch die Wohngebiete. Durch das echte, lebendige Tirana. Die Straßen sind eng und zugeparkt. Die kleinen französischen Balkone werden als Lager für Lebensmittel, Schuhe und Müll genutzt. An den Fassaden kleben Klimaanlagen, die Wäsche hängt direkt an den Hauswänden, freiligende Stromkabel spannen sich wild durch die Luft. Zwischen den Häusern spielen die Kinder und Menschen [vorwiegend Männer] debattieren in den kleinen Hinterhof-Cafés. Hier findet man kleine Tante-Emma-Läden und Bäckereien in denen ein Brot 40 Cent und ein guter Kaffee 50 Cent kostet.
Tirana pulsiert. Die Mischung aus jugendlicher Quirligkeit, westlicher Offenheit und die nur versteckt wahrnehmbare albanischen Tradition ist mitreißend und begeistert uns.

Welch eine Freude als wir zudem die erste albanische Boulderhalle in Tirana ausmachen können. Hier lernen wir auch Maja und ihren Vater kennen, die vor einiger Zeit als 4-köpfige Familie aus Deutschland nach Tirana gekommen sind. Ein erfrischender Kontakt. Wir bewundern eure Entscheidung.

An der Küste gen Süden - Müll wohin man blickt

Auf unserem Weg gen Süden kommen wir kurz durch die Hafenstadt Durres. Von einigen [italienischen] Städten aus gehen Fähren in diese albanische Stadt. Wir sind etwas Stadt-gesättigt und fahren weiter die Küste hinunter.
Wenn man von Albanien hört, so werden oft die wunderschönen, weißen Sandstrände erwähnt. Die Strände gibt es tatsächlich, aber schön sind sie nicht. Es ist der bisher wohl emotional aufreibendste Moment unserer Reise. Nicht nur die Strände, das ganze Land ist überzogen von einer Schicht aus Müll. Was nicht mehr gebraucht wird, wird einfach fallen gelassen. Egal ob Bauschutt, Plastikflaschen, Autoreifen, Fensterrahmen, Autoteile. Ganze Müllbeutel, Matratzen und Elektronikgeräte liegen hier im Wald, am Strand oder unweit der Stadtgrenzen auf wilden Deponien. [Im Bereich Anekdoten haben wir zu diesem Thema einen eigenen Artikel geschrieben.] Diese Seite der Medaille ist erschreckend und traurig. Es macht wütend und was bleibt ist Fassungslosigkeit.

 

Die Küstenstraße zwischen Vlora und Saranda [ganz im Süden, in der Nähe der griechischen Grenze] ist landschaftlich ein [wenn nicht sogar DAS] Highlight Albaniens. Die Straße führt nicht wie erwartet direkt an der Küste entlang, sondern windet sich bergauf-bergab im beeindruckend schönen Ceraunischen Gebirge.

Der Llogara-Pass ist dabei fahrtechnisch und landschaftlich ein besonderes Erlebnis, mit einem großartigen Blick hinab auf das türkisfarbene Meer.

Die letztgenannte Strecke wird uns allerdings aus einem anderen Grund in Erinnerung bleiben. Unsere treue Hummel tuckert wie ein alter Traktor die Serpentinen hoch. Der Motor scheint nicht mehr die volle Leistung zu bringen. Im ersten Gang und max. 20 km/h  schleppt sich die einstige Power-Hummel um jede Kurve. Umkehren ist keine Option. Wir sind in einem wenig besiedelten Gebiet. Zudem hat ein heftiger Starkregen begonnen und dichter Nebel umhüllt die Bergkuppen. Nach 100 km ist plötzlich mit einem Fingerschnipp alles wieder in Ordnung. Die Power-Hummel ist zurück und ihre Behinderung seitdem nie wieder aufgetreten. Wir vermuten irgendwo [nicht in Albanien] schlechtes Benzin erwischt zu haben und achten seitdem darauf, den Tank nicht mehr allzu leer zu fahren.

Gjirokastra - UNESCO Welterbe

Bevor wir Albanien hinter uns lassen, machen wir einen kleinen Abstecher ins Dörfchen Gjirokastra, 30 km vor der griechischen Grenze. Die Altstadt liegt wunderschön an einem Hang, die Burganlage thront mächtig über ihr. Wir haben einen perfekten Parkplatz, steigen aus dem Auto aus und blicken erneut ins Grauen. Ein Fluss schlängelt sich von den Hängen kommend ins Tal. In und um ihn liegen all die Dinge, die Mensch nicht mehr braucht. Vom alten Fenster, über allerhand Plastikmüll, hin zu Elektronikschrott. Also auch durch diese, von der UNESCO als Weltkulturerbe geehrten Stadt, zieht sich das Müllband, was uns von Anbeginn in Albanien begleitet.
Die Altstadt von Gjirokastra, mit ihren weißen Fassaden und dunkelbraunen Holzfenstern /-türen, ist wirklich eine Besonderheit in Albanien. Denn die Städte sind [mit Ausnahme von Tirana] nicht sehr sehenswert.

Nun haben wir aber endgültig genug. Wir wollen Albanien verlassen. Wir wollen weiter nach Griechenland. Ein guter Freund aus Kiel würde dazu folgendes Sagen: „Alles hat seine Zeit“.

Unsere Zeit in Albanien ist nun vorbei.

 

Fazit: Kein Land unserer Reise hat uns bisher in so vielfältiger Weise mitgenommen.

Ein Ein-Satz-Fazit erscheint unmöglich.
Die AlbanerInnen sind sehr freundlich und hilfsbereit. Egal ob auf dem Land, in den Bergen oder in der Großstadt Tirana, zu keinem Zeitpunkt haben wir uns unwohl, gar unsicher gefühlt. Besonders die Kindervernarrtheit ist rührend. Als [westliche(r)] TouristIn fällt man aber auf und hat nicht selten eine Schar bettelnder Frauen oder Kinder um sich.
Sämtliche Städte kann man sich unserer Meinung nach sparen. Eine Ausnahme bildet hierbei das bunte und quirlige Tirana. Der kommunistischen Zeit fiel leider viel Kulturgut zum Opfer. Was bleibt sind schmucklose sozialistische Betonbauten, freiliegende Stromkabel und große, verstopfte und vermüllte alleeartige Straßen.
Die Bergregionen im Nordosten Albaniens, ebenso wie die bergige Küstenstraße unterhalb von Vlora sind allerdings landschaftlich sehr sehenswert und zu empfehlen. Jede noch so schöne Landschaft verliert jedoch beim ständigen Blick auf Mülldeponien ihren Reiz.
Auch die große Menge streunender Hunde war für uns ein Problem. Die Hunde sind wirklich überall und versammeln sich in Rudeln. Nie ist uns ein Hund gefährlich geworden. Da wir aber in unserem Alltag überhaupt nicht Hunde-erfahren sind, wollen wir vor allem mit einem durch die Gegend spielenden Kleinkind kein Risiko eingehen. Müll und Hunde führten dazu, dass klein Rumpel kaum frei spielen konnte. Da wir uns fast ausschließlich in der Natur aufhalten: eine starke Einschränkung.

Albanien polarisiert. Ein aufstrebendes Land, mit dem Wunsch des EU-Beitritts auf der einen Seite und all den thematisierten Problemen auf der anderen Seite. Zudem sei noch eine Anmerkung erlaubt, ohne dies tief gehender ausführen zu wollen: Es ist schon interessant, wie extrem viele hochstklassige Luxuswagen durch ein Land rollen, in welchem ein(e) gut verdienende(r) ArbeiterIn um die 200 € im Monat verdient. Die Spanne zwischen Arm und Reich ist in diesem Land sehr groß.


Wir sind froh um den Aufenthalt und das eigene Bild, welches wir uns machen konnten, würden aber so schnell nicht wieder zurück kehren.