Portugal

Touri-Küste. Hippie-Markt. Teuer Maut. Immer gen Norden.

Algarve - Strände, Camper, Felsen

Vom südlichsten Punkt Spaniens kommend, erreichen wir im März die portugiesische Algarve.

Die Sonne lacht vom wolkenlosen Himmel und heitert uns gut auf, denn Wehmut macht sich breit. Portugal ist das letzte „richtige“ Reiseland unserer großen einjährigen Europa Tour. An der Südküste Portugals stolpern wir von einem hübschen Strand zum nächsten und kommen dabei [gewollt] nur im Schneckentempo voran. Der kilometerlange und ewig breite Sandstrand von Quarteira lädt besonders gut zum endlosen Spazieren, zum Verweilen oder zum Muschelnsammeln ein. Klein Rumpel sucht fleißig mit, und ist bei jeder gefundenen Muschel ganz aus dem Häuschen und zeigt jedes Exemplar aufgeregt in die Luft.

Gen Westen ist die Küste nun umsäumt von bizarren Felsformationen, die in der Sonne in den schönsten gelb-braunen Erdtönen leuchten. Ein optisch besonders schöner Kontrast zu dem kräftigen Blau des Meeres. Auf den Klippen der Felsen entlang, kann man sich bei herrlichen, kilometerlangen Wanderungen über den Ausblick auf den scheinbar endlosen Atlantik erfreuen. Zahlreiche Treppenstufen führen hinab zu den Buchten, zum hellen Sand und zum tief blauen Wasser. Wenn man früh genug da ist [ab 9 Uhr rollen die ersten Mietwagen an], herrscht hier eine wunderbare, meditative Ruhe.

Als ganz besonders hübsches Fleckchen Erde ist uns dabei die Bucht 'Praia da Marinha' in Erinnerung geblieben. Etwas kitschig, aber herrlich schön ist hier das große, durch Felsbögen gebildete Herz, welches je nach Höhenstand des Atlantiks mal mehr, mal weniger im Wasser steht.

Flamingos von Alvor

An einer herrlich friedlichen Lagune bei Alvor schauen wir den Flamingos beim Mittagessen zu und beobachten lebende Seesterne und unzählige umher flitzende Krabben im Watt. Zur großen Freude von Rumpel. Wie so oft zählt auch hier: „anschauen, aber nicht anfassen“. Am nächsten Morgen werden wir Zeugen eines kleinen Volksfestes. Bei Ebbe strömen die MuschelfischerInnen in Scharen mit großen Plastikgefäßen und kleinen Flaschen mit einer weißen Substanz ins Watt. Wir sind neugierig und laufen in Flip-Flops hinterher.

Wir beobachten hunderte Menschen jeglichen Alters in gebückter Haltung, wie sie die weiße Substanz üppig auf den matschigen Wattboden streuen und anschließend wie gebannt auf diese Stelle starren. Nach ein paar Sekunden fahren lange Schwertmuscheln senkrecht, wie ein Fahrstuhl, aus dem Boden und werden von den Muschelfischer-Innen herausgezogen. Auf unserem Rückweg zum Auto finden wir einige Exemplare dieser kleinen Plastikflaschen im Müll [oder auch achtlos ins Gebüsch geworfen]. Seitdem wissen wir: die weiße Substanz ist Salz. Interessant wäre einmal zu erfahren, wieviel Kilo Salz jeden Tag auf diese Weise in dieser Lagune verkippt werden.

Genervte Einheimische und Polizeibesuch

An der schönen Lagune von Alvor hatten wir auch die erste mehr oder weniger unangenehme Begegnung mit der Polizei, seit Beginn dieser Reise vor einem Jahr. Dabei war der Platz gerade ziemlich perfekt. Nicht perfekt genug jedoch, für die Insassen eines riesigen britischen Wohnmobils. Um den allerbesten Blick zu haben, stellten sie sich direkt in den einzigen Zugangsweg zum kleinen Strand und Damm der Lagune. Einheimische hätten sich daraufhin beschwert und die Polizei verständigt.

Um Mitternacht werden das Haus auf Rädern, wir und zwei weitere Campervans aus Finnland höflich aber bestimmt des Platzes verwiesen. Mit einem kleinen Kind an Board ist so ein nächtlichen Aufbrechen eher suboptimal. Schade, dass es für manche Menschen immer noch schöner und besser sein muss, anstatt sich von der stillen Akzeptanz der Einheimischen befriedigt zu zeigen und so gut wie möglich, unaufdringlich zu verhalten. Der ewige Wettbewerb setzt sich scheinbar auch in diesem Bereich fort. Seit Jahren werden die Länder der SpanierInnen, PortugiesInnen, GriechInnen, KroatInnen, NorwegerInnen, SchwedInnen... von einer nicht enden wollenden Masse an Campern überrollt, die sich stets die schönsten Plätze, mit der schönsten Sicht sichern. Der Größe dieser Gefährte ist kein Ende gesetzt. Mitunter gehört dazu noch ein Kleinwagen auf dem Anhänger oder gar im Kofferraum. Häufig bleibt dabei kaum noch Platz für die Einheimischen selbst, die am Wochenende ihre heimische Natur genießen wollen.

Das die Einheimischen genervt sind, ist teilweise kaum zu übersehen. In Norwegen, wo das Freistehen laut Jedermannsrecht eigentlich erlaubt ist, hämmern die BewohnerInnen nun überall Schilder hin - „no camping“, „private“ … . Hier in Portugal erfahren wir, dass wütende AnwohnerInnen die Reifen von Campern zerstechen. Ein bisschen Zurückhaltung und Wertschätzung könnte so manchem Freistehenden gut tun, ein entspannteres Miteinander zwischen Gast und Gastgeber schaffen und uns allen noch eine lange Zeit diese wunderbaren Art des Reisens ermöglichen.

Südwestlichster Punkt - nun immer gen Norden

Wir erreichen den südwestlichsten Punkt des Landes und spazieren auf den mächtigen Klippen des 'Cabo de São Vincente' entlang. Ein besonders sentimentaler Tag der ganzen Reise, denn von nun an geht es nur noch gen Norden… es geht nach Hause.

Aber die verbleibenden 3.500 Kilometer werden nicht langweilig werden.

Hippie Markt von Barão

So waren wir zum Beispiel zu Gast auf dem bekanntesten Hippie Markt Portugals, in Barão de São João. Einmal im Monat treffen sich hier Aussteiger und Dauerreisende, Einheimische und Interessierte. Neben dem üblichen Flohmarkttrödel und allerhand Handgemachtem, von T-Shirts, über Armbänder und Postkarten, gibt es eine nicht zu überschauende Vielfalt an, meist veganen Leckereien zu probieren, die direkt aus den Campern heraus verkauft werden. Die Kreativität kennt hierbei keine Grenzen. Der Duft von frischer Pizza strömt über den Platz. Die Ladefläche eines Transporters ziert ein selbst gemauerter Pizza-Steinofen und die Schlange der Hungrigen reißt nicht ab. Andere Campervans sind komplett mit Holz verziert und erinnern eher an Kunstwerke oder Kutschen, als an einen fahrbaren Untersatz. Die Stimmung ist super locker, die Musik gut und die Menschen fröhlich und ausgelassen. Wären wir in der Nähe, so würden wir den Hippie Markt in Barão de São João sicherlich jeden Monat besuchen.

Portugal und sein kompliziertes Mautsystem

Auf unserem Weg gen Norden liegen mit Lissabon und Porto zwei phantastische und unbedingt sehenswerte Städte. Um etwas Strecke gut zu machen, benutzen wir ausnahmsweise Maut-pflichtige Autobahnen. Das Mautsystem in Portugal ist etwas komplizierter. Neben konventionellen Mautstrecken, wo bei Auffahrt ein Ticket gezogen und bei Abfahrt bezahlt wird, gibt es auch elektronische Mautstraßen. Will man letztgenannte Straßen fahren, muss man sich zuvor registrieren und für eines der vielen Bezahlsysteme entscheiden [Prepaid, Postpaid, Transponder oder was es nicht noch alles gibt]. Das Navigationssystem unterscheidet natürlich nicht zwischen diesen verschiedenen Mautsystemen. So sind wir zwei Mal, in „freudiger“ Erwartung eines beschrankten Ticketschalters, ungewollt durch elektronische Mautstationen gefahren, ohne registriert zu sein. Wir merkten erst auf der Autobahn [wo ein Wenden bekanntlich zumeist ungünstig ist], dass hier wohl anders abkassiert wird. Einen Brief mit der freundlichen Aufforderung zur Strafzahlung haben wir bisher jedoch noch nicht erhalten. Die Mautgebühren sind zudem unfassbar hoch. Unter anderen Bedingungen wären wir sicherlich auf die Maut-freien Bundesstraßen ausgewichen. Da sich hier die Fahrtzeit aber mindestens verdreifacht und die Zeit nach mittlerweile 13 Monaten Reise leicht drängt, verzichten wir etwas widerwillig.

Lissabon - Stadt am Tejo

Lissabon [500.000 EinwohnerInnen] liegt super schön an der Flussmündung des Tejo und ist von Süden unter anderem über die imposante, an die Golden Gate Bridge erinnernde, Brücke 'Ponte 25 de Abril' zu erreichen. Entlang der Tejo-Bucht zieht sich, direkt am Wasser, ein promenadenartiger Fuß- und Radweg, der von der Atlantikküste mitten in die Stadt führt.

Vom weitläufigen Platz 'Praça do Comércio' gelangen wir durch den mächtigen Triumphbogen 'Arco da Rua Augusta' in die Unterstadt, das Herz der portugiesischen Hauptstadt. Diese wurde nach dem verheerenden Erdbeben von 1755 neu errichtet.

Etliche Stunden wandeln wir durch die super schönen Gassen der 'Baixa Pombalina' und bestaunen die hochragenden eleganten Wohnhäuser sowie die zahlreichen, beeindruckend schönen Fließenfassaden, die ja so typisch sind für Portugal.

Die einstige mächtige, aber nicht unkritische Stellung Portugals in der Welt- und Kolonialgeschichte ist hier zum Greifen nah. Wie so oft flossen viele Reichtümer aus einer Region der Welt in eine andere.

In die Oberstadt führt ein imposant emporragender Fahrstuhl [Elevador de Santa Justa] aus dem Jahre 1902, dessen Stahlkonstruktion stark an den Eiffelturm in Paris erinnert. Wir nehmen natürlich die Treppen und gelangen über kleine Gässchen in den oberen Teil der Stadt. In der Oberstadt ist das Bild noch ein wenig niedlicher und hübscher. Von hier oben hat man einen herrlichen Blick über die Stadt, und die auf der gegenüberliegenden Anhöhe gelegene Festungsanlage 'Castelo de São Jorge'. Bei strahlend blauem Himmel eine fantastische Aussicht. Auch die wohl bekanntesten Sehenswürdigkeiten Lissabons gibt es hier oben zu sehen: die Straßenbahnen. Bei einer mitunter beachtlichen Steigung, sind diese sicherlich eine große Hilfe für viele Einheimische und eine Attraktion für die zahlreichen Besucher der Stadt. Auch wenn es erst März ist, die portugisische Mittagssonne hat es in sich, sodass eine schattige Pause auf dem Vorplatz der Kirche 'Igreja da Madalena' eine dringend benötigte Abkühlung verschafft.

Anschließend finden wir, in einer ruhigen Nebenstraße versteckt, ein kleines nepalesisches Restaurant, wo wir unseren tollen Besuch einer unbedingt sehenswerten Stadt bei leckerem Dal Bhat, wenn auch fern ab der portugiesischen Küche, ausklingen lassen.

Fátima - noch Glaube oder schon Kommerz?

Auf unserem Weg in Richtung Porto kommen wir eher zufällig an Portugals bedeutendstem Wallfahrtsort vorbei. Eine der bekanntesten Pilgerstätten der römisch-katholischen Kirche. Meistens umgehen wir solche Superlative, aber ein Mittagspäuschen steht zufällig zur selben Zeit auf dem Programm. Also halten und gucken wir. Das kleine Städtchen Fátima [knapp 11.000 EinwohnerInnen] gelangte zu solch großer Bekanntheit, weil am 13. Mai 1917 drei Hirtenkindern die Jungfrau Maria erschienen sein soll. Zwei der Kinder verstarben im Alter von 10 und 11 Jahren und wurden später heilig gesprochen. Das dritte Kind starb 2005 im Alter von 98 Jahren. Schätzungsweise 4 Millionen Besucher strömen heutzutage jährlich nach Fátima. Die kirchlichen Gebäude sind prunkvoll und über den davor gelegenen, größten Kirchenvorplatz der Welt rutscht so mancher Gläubiger mehrere Hundert Meter betend auf den Knien zur Basilika. Knieschoner kann man im Kiosk nebenan käuflich erwerben.

Porto - wo der Portwein lagert

Wir erreichen Nordportugal und lassen uns das sehr sehenswerte Städtchen Porto [240.000 EinwohnerInnen] nicht entgehen. Die Hafenstadt liegt an der Mündung des Flusses Douro, was ähnlich wie in Lissabon eine ganz besondere Kulisse offenbart. Über den Douro spannt sich die imposante und hochfrequentierte Fachwerk-Bogenbrücke 'Ponte Luís I'. Sie verbindet in schwindelerregender Höhe die historische Altstadt von Porto [Ribeira], mit der auf dem gegenüberliegenden Flussufer gelegenen Stadt ‘Vila Nova de Gaia‘. Von hier aus hat man einen fantastischen Blick über die Stadt, mit ihren zahlreichen barocken Kirchen.
Aus Porto kommt übrigens der Portwein, welcher in überdimensionalen Kellern auf der gegenüberliegenden Uferseite des Douro gelagert wird. Vor der wunderschönen Uferpromenade 'Cais de Ribeira' ankern raditionell hölzerne Portweinboote.

Eine tolle Kulisse.

 

Porto wirkt auf uns ein Stückchen authentischer als Lissabon, denn es ist weniger schnieke und prunkvoll. Der Zahn der Zeit ist deutlicher zu sehen und das Leben in den engen gewundenen und teils recht steilen Gassen ist eher geprägt durch Einheimische, als durch TouristInnenströme. Das gefällt uns ein wenig besser. Dennoch ist auch in Porto der vergangene Reichtum der ehemaligen Überseemacht noch gut an den Fassaden der Häuser zu erkennen. Einige Kirchen tragen mehrere Quadratmeter große Fließenfassaden an ihren Außenwänden, mit enorm aufwendigen, kleindetailierten religiösen Gemälden in kräftiger blauer Farbe. Diese künstlerische Fertigkeit beeindruckt uns sehr.

Porto und Lissabon sind nicht die idealsten Städte zur Erkundung mit dem Rad, wir tun es trotzdem und kämpfen uns immer wieder steile Berge hinauf. Mit Kind im Fahrradsitz ist das Rad, auch bei solch schlechten Bedingungen, immer noch eine gute Alternative zum Kinderwagen [den wir gar nicht besitzen].

Gespräch mit einem Portugiesen

Es ist unser letzter Tag in Portugal. Wir werden überaus freundlich, mit dem besten Wetter verabschiedet und kommen auf dem Weg zur Grenze nach Spanien noch einmal in den Genuss einer besonders hinreißenden, üppig grünen Gebirgslandschaft - für uns Naturliebhaber ein krönender Abschluss.

Während einer Mittagspause, in einem kleinen Bergdörfchen, an einem tief blauen Stausee, kommen wir mit einem sehr netten älteren Herren ins Gespräch. Bei strahlend blauem Himmel sitzen wir gemeinsam an einem Steintisch, umringt von weidenden Schafen. Ein ruhiger und friedlicher Ort. Der Herr spricht fließend deutsch und englisch, so dass wir uns über eine Stunde lang über die Region und das Land unterhalten. Ein sehr freundliches, offenes, ruhiges und unaufdringliches Gespräch, auch wenn die Themen teils weniger erfreulich sind, sich aber leider mit Inhalten aus Gesprächen in anderen Ländern decken.

So sei er mit knapp 60 Jahren der Jüngste hier im Dorf. Jeder der kann, insbesondere junge Menschen verlassen die Dörfer. Wer kann, versucht im deutschsprachigen Raum oder Skandinavien Fuß zu fassen. Die gebildete Jugend verlässt das Land. Anspruchsvolle und anständig bezahlte Arbeit gebe es, wenn überhaupt, nur in den Großstädten. Alles werde immer teurer und insbesondere für RentnerInnen häufig nur mit finanzieller Hilfe von Familienangehörigen aus dem Ausland zu stemmen. ... Wir erinnern uns an unsere Freunde aus Griechenland, die mittlerweile erfolgreich nach Schweden ausgewandert sind.

Fazit:

Ehrlicherweise sind wir nicht so richtig „reingekommen“ in Portugal. Die Algarve ist zwar wunderschön, war jedoch schon im März TouristInnenüberlaufen. Es reihte sich ein Camper an den nächsten. Dazu noch allerorts Mietwagen. Die Einheimischen wirkten [zu recht] genervt und kurz angebunden. Das Benzin ist teuer, die Lebensmittel ebenso. Dazu die, schon geschilderte Mautproblematik.

Aber: Portugal macht mehr aus, als nur die überlaufene Algarve. Wir werden mit absoluter Sicherheit wiederkehren, aber dann einen großen Bogen um die Küste machen. Im Landesinneren warten Naturschauspiele und Schätze unerwarteter Schönheit. All diese werden wir bei einer nächsten Reise erkunden und mit großer Wahrscheinlichkeit lieben lernen.