Nordkap und zurück - 9.000 km um die Ostsee

Die Ostsee - eines der Lieblingsreiseziele der Deutschen. Insel Rügen, Usedom, Fehmarn. Aber was gibt es noch außer Warnemünde und Timmendorfer Strand? Neun Länder grenzen an das Baltische Meer und allein Finnland zählt um die 80.000 Inseln im Ostseewasser.

Dänemark (Tage 1-2)

Unsere Ostseeumrundung beginnt in Dänemark. 30 km über Flensburg liegt das 16.000 Einwohner kleine Aabenraa (dt.Apenrade). Genau das richtige Fleckchen um, mit Blick auf den Aabenraa Fjord, im Auto die erste Nacht der Reise zu verbringen. Hier in Süddänemark sind die meisten Menschen, aufgrund des geschichtlichen Hintergrunds, zweisprachig [deutsch und dänisch] aufgewachsen, sodass kommunikativ alles echt easy ist.

Von Aabenraa über Kolding und Odense gehts zur mautpflichtigen Storebæltsbrücke, welche über circa 14 km die Insel Fyn [dt. Fünen] und Sjælland [dt. Seeland] verbindet. Eine Überfahrt kostet für PKW 35 €, wobei sich die Preise je nach Länge und Gewicht des Fahrzeugs unterscheiden. Bezahlt wird, nachdem man einen schönen Blick über den Großen Belt genossen hat, am östlichen Ende der Brücke.
    Hast du Sjælland komplett überquert, so landest du im lebensfrohen Kopenhagen. Es lohnt sich [generell immer, auch in anderen Städten] die kostenfreien Parkmöglichkeiten etwas außerhalb der Innenstadt zu nutzen, um dann mit dem dänischen Verkehrsmittel überhaupt, dem Fahrrad, weiter zu fahren. Entweder man hat es bereits dabei, oder man nutzt die zahlreichen Zweirad-Verleihe. Zwecks des Radfahrens in Kopenhagen gilt: einfach mitmachen, nicht aus der Reihe tanzen, nicht nachdenken und als Touri immer schön rechts fahren. Wenn man sich so mit der eigenen Trittfrequenz einen festen Platz im Feld der Radfahrer gesichert hat, dann kann man sich wunderbar treiben lassen.

Kopenhagen glänzt mit ganz fantastischen Touristenattraktionen: Nyhavn, die kleine Meerjungfrau, Schloss Amalienborg, Freistadt Christiania, um nur einige zu nennen. Hier finden es aber alle BesucherInnen so klasse, dass man dort auch garantiert nicht alleine sein wird. Übrigens: Genau wie der nächtlich beleuchtete Eiffelturm in Paris, darf offiziell auch dein Foto der kleinen Meerjungfrau -am Kopenhagener Hafen- nicht auf Facebook, Instagram und Co. landen [Urheberrechtsgründe]. Das Fotografieren der fotografierenden Touristen-Meute ist ironischerweise jedoch erlaubt und ein witziger Schnappschuss im digitalen Fotoalbum. Ergänzend zu den Haupttouri-Plätzen sollte man unbedingt im königlichen Bibliotheksgarten, direkt am jüdischen Museum verweilen und durch den Botanischen Garten und durch die monumentale Anlage des Kastells spazieren. Entspannen lässt es sich dann wunderbar im Szeneviertel Nørrebro, in einem der zahlreichen kultigen Cafés, zwischen den Straßen "Jagtvej" und "Nørrebrogade". Und wenn du schonmal hier in der Gegend bist: der Assistens Kirkegård [ein Friedhof] ist riesig und inmitten der trubeligen Großstadt eine kleine Oase. Wo der kleine und große Hunger gut gestillt werden kann, gibts hier zu lesen: „Vegan in Kopenhagen“. [Inklusive Übernachtungs-Geheimtip]

 

Südschweden mit Malmö (Tage 3-4)

Von Kopenhagen aus erreicht man Malmö über die mautpflichtige Öresundbrücke, welche mit 62 € pro PKW und Überfahrt deutlich teurer ist, als die dänische Storebæltsbrücke. Hier lohnt es sich unbedingt vorher genau zu recherchieren. Der "BroPass" lohnt sich schon recht schnell.
   
Auch die drittgrößte schwedische Stadt Malmö lässt sich ganz wunderbar mit dem Rad erkunden. Besucht man Malmö nach Kopenhagen, so fällt schnell eine gewisse Gemütlichkeit auf. Mit dem bunten, hippen und weitläufigen Kopenhagen im Hinterkopf wirkt Malmö eher entschleunigend. Gemütliche Fachwerkhäuser in der Altstadt, große grüne Parks, wo sich im Sommer Jung und Alt versammelt [Kungsparken, Pildammsparken und Slottsparken], eine Windmühle [Slottsmöllan], zahlreiche Museen, ein Rathaus als Wahrzeichen und modernste Architektur mit dem berühmten Turning Torso im Viertel Westhafen. Letzteres ist in seiner Energieversorgung vollkommen autark und soll seinen Bewohnern mit künstlichen Wasserläufen, Parks und Springbrunnnen eine besondere Lebensqualität bieten. Schnieke Bars und Cafés runden das etwas elitäre Gesamtbild ab.
    Nach dem Stadtrundgang geht die Fahrt weiter, durch mittelalterliche Städtchen [Ystad, Karlskrona, Kalmar], durch Wälder soweit das Auge reicht und durch das hübsche Småland. Eine Landschaft durchzogen von kleinen und großen Felsen, gesäumt von goldenen Feldern mit vereinzelten kleinen roten Holzhäuschen mit weißen Balken. Vorbei an zerklüfteten Schäreninseln, pittoresk verwinkelten Stränden mit einem Steg hier und da, sowie weißen, in der Sonne glitzernden Segelbooten. Entlang an Seen mit einer unfassbaren Menge Stechgetier, weiter nach Vimmerby, als Paradebeispiel einer südschwedischen Ortschaft mit bunten Holzhäusern in allen Farben. Kein Wunder, dass Astrid Lindgren in dieser Landschaft zu fantastischen Kindergeschichten inspiriert wurde.

Das wundervolle Südschweden allein ist einen 4-wöchigen Roadtrip wert!

 

Mittelschweden mit Stockholm und Uppsala (Tage 5-6)
    Kommt man in Stockholm an, so erwartet einen [1 Million Einwohner], die größte Stadt Schwedens. Obwohl Stockholm im internationalen Vergleich damit eher eine kleinere Hauptstadt ist, so hat man doch das Gefühl plötzlich mitten in einer Metropole gelandet zu sein. Schlagartig ist Schluss mit romantischem schwedischen Flair und bunten Häuschen. Betonklötze in der Innenstadt, mehrspurige Straßen [das Fahrradfahren erfordert hier eine gesteigerte Aufmerksamkeit], Einkaufsstraßen, Großstadtlärm…
Aber keine Sorge, das ist natürlich nicht alles. In Stockholm gibt es eine ganze Menge Wasser. Die Stadt ist nämlich auf mehreren Inseln verteilt.

Touristisch am interessantesten und die Herzstücke der Stadt sind wohl Folgende: Stadsholmen mit Schloss und Altstadt [Gamla Stan], Helgeandsholmen mit Reichstag sowie Riddarholmen. Je nach Saison wird man hier vor TouristInnen kaum treten können, aber lohnenswert anzuschauen sind die kleinen engen Gässchen mitsamt süßen Mini-Geschäften und gemütlichen Cafés trotzdem. Auf dem Marktplatz in der Altstadt gibt es ein Eiscafé, welches Eis und auch Eiswaffeln selbst herstellt [unbedingt zu empfehlen]. Auch die Wachablösung auf dem Schlossplatz ist ein sehenswertes Erlebnis.
Für einen zusammenfassenden Überblick, über die angrenzenden Inseln, geht man am besten auf den „Stockholmer Balkon“ [Fjällgatan] oder -etwas idyllischer- zum Monteliusvägen. Beide liegen auf der Insel Södermalm. Absolute Ruhe und Entspannung vom Trubel der Stadt erfährst du im gigantischen königlichen Nationalstadtpark, der über weite Strecken eher einem Wald, als einem Park ähnelt. Auch Rotwild gibt es hier. Wenn die Füße müde sind oder die Oberschenkel vom Radfahren brennen, dann erreicht man in Stockholm alle Inseln auch ganz wunderbar mit der gut ausgebauten U-Bahn [tunnelbana].

 

Auf dem weiteren Weg gen Norden sollte man einen kleinen Stop in der Universitätsstadt Uppsala einplanen. Domkirche, Universität, das über der Stadt thronende Schloss und ein paar Parks machen die Stadt, neben einem gewohnt gemütlich schwedischen Straßen-Flair, sehr sehenswert. Am Flüsschen Fyrisån lässt es sich entlang spazieren und vom trubeligen Stockholm erholen.

 

Nordschweden (Tage 7-8)

Fäht man entlang der Höga Kusten [Hohe Küste] weiter gen Norden, so erwartet einen eine atemberaubende Steilküste [die Einzige der Ostsee] zwischen Sundsvall und Örnsköldsvik. Wer sich viel Zeit nimmt, kann die 130 km auch wunderbar erwandern [empfohlen sind 13 Etappen]. Aber auch im Auto erlebt man das einzigartige Panorama einer traumhaften Landschaft: kurvige Bergstraßen, kleine Fischerdörfer, dichter Nadelwald, kleine Bergseen und mittendrin eine riesige, vom Nebel verschluckte Hängebrücke [Högakustenbrücke]. Immer wieder ergibt sich ein atemberaubender Ausblick von der Steilküste auf die Ostsee in der Tiefe. Dabei ist der Duft nach frisch gesägtem Holz allgegenwärtig.
    Spätestens auf Höhe Umeå wird die Küste wieder deutlich flacher, aber nicht minder schön. Manchmal sieht es so aus, als würde die Straße am Horizont einfach enden und man selbst in wenigen hundert Metern im Wolkenmeer verschwinden.

 

Weg zum Nordkap (Tage 9-10)

    Am nördlichsten Punkt der Ostsee ist es empfehlenswert die Straße E8 auf finnischer Seite zum Nordkap zu fahren. Für 340 km fährt man immer an der schwedisch-finnischen Grenze entlang, bis nach Palojoensuu und biegt dann auf die Bundesstraße 93 in Richtung Alta ab. Nach weiteren 60 km erreicht man Norwegen. Die Landschaft ändert sich hier nochmal schlagartig. Plötzlich fährt man durch Felsschluchten und auf serpentinenartigen Straßen, mit einem schroff steinernen Flussbett und immerwieder kleinen kühlen Bergseen zur Linken. Dies ist wirklich ein besonders schöner Teil der Strecke.
    Nach Alta wird es deutlich flacher und karger. Ortschaften (und Tankstellen) sind rar und auf den grauen Seen wackeln einsam kleine Boote am Ufer.
    Auf den letzten 200 km Richtung Nordkap fährt man nun immer an der steilen Küste entlang. Rechts der Porsangerfjorden, als Ausläufer der Barentssee und links mal steile Felsen, mal derbe steinige Geröllhalden, mal kalte klare Seen, mit einsamen Holzhäuschen am Ufer. Eine wirklich spektakuläre und vielfältige Landschaft. [Unbedingt genug Zeit einplanen!] Kurz nach dem Nordkaptunnel [7.400 m lang] erreicht man das kleine Fischerdorf Honningsvåg, als wichtigen [touristischen] Knotenpunkt vor dem Nordkap. Hier gibt es sogar einen Flughafen. Nach den letzten einsamen aber sehr idyllischen Kilometern, wirkt das Auftauchen dieser Stadt irgendwie surreal.

 

Nordkap - warum es gar nicht das echte Nordkap ist (Tage 10-11)

    Nach gut 4.300 km steht man nun an Europas nördlichstem Punkt [warum das eine kleine Lüge ist, liest du gleich] und schaut von einem gigantischen, 307 Meter hohen Plateau auf den scheinbar unendlichen arktischen Ozean, gen Nordpol. An der berühmten Weltkugel versammeln sich unabhängig von Jahres- und Tageszeit ein Großteil der Nordkap-Besucher und in der steinernen Nordkaphalle warten ein Museum, ein Kino [Panoramafilm], ein Souvenirshop, ein Postamt und ein Restaurant. Der Eintrittspreis berechtigt dich übrigens im Auto/ Wohnmobil auf dem Plateau zu nächtigen. Hier ist gerade in der kühleren Jahreszeit die Nordkaphalle eine gute Aufwärmmöglichkeit. [Achtung: von September bis Januar ist sie nur zwischen 11 und 15 Uhr geöffnet.] Man sollte unbedingt Zeit für einen Spaziergang auf dem Plateau einplanen, um in aller Ruhe, fernab der Touristenmagnete [Weltkugel und Norkaphalle], die Aussicht auf die umliegenden Steilklippen und den gigantischen Ozean zu genießen.
    Nun zur „Nordkap-Lüge“: steht man auf dem touristischen Nordkap Plateau [an der Weltkugel] so siehst du linker Hand eine Landzunge [Knivskjellodden]. Unschwer ist zu erkennen, dass diese weiter in das Nordpolarmeer reicht [um genau zu sein circa 1.400 m]. Tatsächlich ist das touristische Nordkap also gar nicht das nördlichste Ende Europas (dafür aber mit großen Reisebussen besser zu erreichen)! Das echte Nordkap kann man nur zu Fuß, mittels Wanderung [circa 10 km one way] über steiniges, teils unwegsames Gelände erlaufen. Der Parkplatz als Startpunkt befindet sich einige Kilometer südlich des touristischen Norkaps. Von hier aus weisen aufeinander gestapelte Steinhäufchen den Weg durch eine wundervolle einsame Landschaft. Vorbei an Seen, über kleine Bäche, inmitten einer überraschend bunten Vegetation aus Gräsern und Flechten und oft begleitet von Rentier-Herden, welche die Wanderer mutig aus sicherer Entfernung beobachten. Die letzten Meter geht es über großes Geröllgestein zur Spitze der Landzunge. Das touristische Norkap, mit der berühmten Weltkugel, kann man von hier aus nun gut sehen und mit jedem Schritt steigt der Stolz, das „echte Nordkap“ zu Fuß erwandert zu haben. In einem roten Metallkasten liegt ein „Gipfelbuch“, wo man sich verewigen darf. Wenn man der Lage ist 20 km zu Fuß zu gehen, sollte diese Wanderung ganz unbedingt in der Reiseplanung berücksichtigt werden. (Achtung: Plane genügend Zeit für die Rückwanderung ein. Die vereinzelt stehenden wegweisenden Steinhäufchen sind im Dunkeln nicht zusehen.)

 

Finnland von Nord nach Süd und Helsinki (Tage 12-17)
        Auf dem Weg gen Süden durchstreift man das landschaftlich etwas karge, aber schöne finnische Lappland. Scheinbar endlose Nadelwälder so weit das Auge reicht, meist schnurgerade Straßen, kaum Ortschaften und vergleichsweise wenige Seen. Zum Wandern ein Paradies. [Plane in dieser Gegend ruhig einen Stop ein, um die Landschaft zu Fuß zu erkunden.] Nur aus dem Auto heraus ist aufgrund der Eintönigkeit sonst schnell ein Finnland-Koller im Anmarsch, was wirklich schade und dem schönen Land nicht gerecht wäre. Den Road-Trip-Stop könnte man zum Beispiel rund um den Inari See einlegen, welcher sich -gesäumt von einer wilden Natur- gut als Ausgangspunkt für Wanderungen eignet.
Rovaniemi ist nicht nur die Hauptstadt Lapplands, sondern liegt auch direkt auf dem nördlichen Polarkreis. Hier im „Weihnachtsmanndorf“ kann man direkt auf dem aufgezeichneten nördlichen Polarkreis balancieren. [Hätte uns an diesem Tag jemand erzählt, dass unser Sohn fünf Jahre später auf dem Polarkreis seine ersten eigenen Schritte geht, wir hätten es nicht geglaubt.] In dieser Gegend sollte man unbedingt einen Ersatz-Benzin-Kanister dabei haben, denn die in der Karte eingezeichneten Orte sind zwar sehr beschaulich, Tankstellen sind aber eher selten zu finden.
    Direkt am bottnischen Meerbusen liegt ein authentisches, ruhiges, übersichtliches finnisches Städtchen namens Oulu, welches sehr gut zu Fuß zu erkunden ist. Im Zuge eines Tagestrips auf jeden Fall sehenswert.
    Finnland als „Land der Seen“ ist zu einem großen Teil von Wasser bedeckt. Unterhalb von Oulu beginnt das Gebiet der Seenplatte, wo sich ein schimmerndes Gewässer ans nächste reiht. Es ist wirklich traumhaft und ein Roadtrip bietet sich in dieser Gegend mehr als an, um möglichst viele Facetten dieser Region aufzusaugen. Inmitten der Seen ragen oft kleine Inseln hervor, die man super mit dem Kajak „erpaddeln“ oder im tiefen Winter auf der dicken Eisfläche erlaufen kann.

 

Die Hafenstadt Helsinki ist großstädtisch, reich an viel Verkehr und Baustellen, hohen Gebäuden und langen Einkaufsmeilen zum Shoppen. Zum Fahrradfahren ist die Infrastruktur  jedoch eher mäßig ausgebaut. Eine authentische Altstadt sucht man vergebens. Helsinki hat jedoch viele wunderbare Ecken, mit u.a. sehenswerten Jugenstilfassaden. Und spätestens in einem der schönen Parks oder auf einer der zahlreichen vorgelagerten Inseln wird einen die Stadt in ihren Bann ziehen.
Eine der am meisten beschriebenen Sehenswürdigkeiten ist der pompöse, strahlend weiße Dom [Tuomiokirkko] am Senatsplatz. Hoch oben am Ende der imposanten Steintreppe thront er über der Stadt. Von hier aus hat man übrigens auch einen schönen [Über-] Blick. 
Definitiv eine Besichtigung wert ist die, von außen eher unscheinbare, Felsenkirche [Temppeliaukion Kirkko]. Sie wurde in den Fels gesprengt. Die Wände sind nach wie vor aus Stein, die Kuppel aus Glas und Kupfer. Hier kann man wunderbar einen Moment verweilen und vom Großstadt-Trubel entspannen. Apropos „entspannen“: Tervasaari Tjärholmen ist eine kleine grüne Insel, die man in unmittelbarer Innenstadtnähe, über eine Brücke erreicht und wunderbar als Aussichtspunkt oder Picknick Spot nutzen kann. Helsinki ist generell recht grün, überall gibt es kleine Stadtwälder/ Parks und einen sehenswerten botanischen Garten. Und wenn einem doch noch ein wenig nach architektonischer Idylle inmitten des Großstadtflairs ist, dann besucht man am besten das süße Viertel "Vallila" mit seinen traditionellen, pastellfarbenen Holzhäusern. Spätestens hier verliert man einen Teil seines Herzens an Helsinki.

 

Estland und Tallinn (Tag 18)
    Estland erreicht man von Finnland aus, mehrmals täglich mit der (Auto-) Fähre. Ein Start in Helsinki zur Abend-/ Nachtzeit lässt einen ganz besonderen Abschied vom reich beleuchteten Helsinki nehmen.
    Tallinn ist ganz hervorragend mit dem Rad [oder natürlich auch zu Fuß] zu erkunden. Um einen ersten Überblick zu bekommen, empfiehlt sich in jedem Fall aber ein Blick vom Domberg auf die Altstadt und die Tallinner Bucht. Hier oben kann es passieren, dass man für einen Rundgang deutlich länger braucht, als geplant, denn an jeder Ecke lauern Fotomotive: Sehr begehrte Motive, wie die Kathedrale oder der berühmte Aussichtspunkt mit der Inschrift “The times we had“. [Update: der Schriftzug gehört der Geschichte an. Nach einem Beitzerwechsel wurde der berühmte Satz entfernt.] Aber auch etwas versteckte, hübsch herausgeputzte Innenhöfe und kopfsteingepflasterten Gässchen. Etwas abseits der Touristenpfade blättert überall ein bisschen Putz von den bunten Fassaden, was im Gesamtbild besonders authentische Schnappschüsse ergibt.

In der Unterstadt trifft Mittelalter auf die Moderne einer touristengerecht sanierten Altstadt. An jedem Häuschen scheint hier ein kleines Türmchen zu „kleben“ und die wunderschöne, imposante Stadtmauer kann man teilweise auch begehen. Vor den Toren der Stadt, lohnt auch ein Abstecher ins Viertel „Kalamaja“. Alte Holzhäuser, manche bunt saniert, reihen sich hier aneinander. Vom einstigen Arbeiterviertel wird es zunehmend zum neuen In-Viertel. War man auf dem Trip der Ostseeumrundung tatsächlich ein paar Wochen am Stück in Dänemark, Schweden und Finnland, so wird man in Estland ein urtypisches Handwerk wieder entdecken: die Bäckerei. Fast hatte man den köstlichen Geschmack von frischen Brötchen und Gebäck vergessen. Guten Appetit!
    Der Weg ins Nachbarland Lettland führt einen durch eine tolle, dicht bewaldete Kulisse. Estland allein ist einen [mindestens] zwei-wöchentlichen Roadtrip wert.

 

Lettland mit Riga (Tag 19)

    Im gemütlichen und überschaubaren Riga bräuchte man eigentlich kein Fahrrad, denn die Distanzen sind kurz und die kleinen Gassen der schönen historischen Altstadt sind am besten zu Fuß zu erkunden. Warum sich ein Rad trotzdem lohnt, erfährst du weiter unten. Riga ist unter anderem bekannt für sein aufwändig verziertes, prunkvolles Schwarzhäupterhaus auf dem Rathausplatz, welches nach der kompletten Zerstörung im zweiten Weltkrieg, nun seit 1999 wiederhergestellt ist. Die Stadt verfügt über eine ausgesprochen hohe Dichte an Jugendstilgebäuden. Hier wird man überhaupt nicht fertig mit der Betrachtung der vielen kleinen Details und Elemente. Sehr sehenswert ist auch der Pulverturm, die Geburtskathedrale und für ein bisschen [kulinarische] Abwechslung: der Central market. Sobald man in Riga jedoch außerhalb der touristisch erschlossenen Pfade wandelt, begegnet einem der Zahn der Zeit im Sinne von Verfall und unsanierten Gebäuden. Noch weiter am Stadtrand zeigt sich mit grauen sozialistischen Plattenbauten ein krasser Kontrast zu den Jugendstilfassaden der Innenstadt. Gerade deswegen und zur vollen Erschließung dieser kontrastreichen Stadt, empfiehlt sich der Blick über den touristischen Tellerrand, am besten per Rad.

 

Litauen mit Vilnius (Tag 20)

    Auf dem Weg nach Vilnius kann man noch kurz beim „Europos centras“, den durch französische Wissenschaftler ermittelten, geografischen Mittelpunkt Europas, 26 km nördlich von Vilnius, vorbeischauen. Wer es genau wissen will, dieser liegt 54°41’ nördlicher Breite und 25°19‘ östlicher Länge. Der Platz ist aufwändig gepflastert, Fahnen wehen und ein säulernes Denkmal thront am Ende des Pfades.
    Wie schon in Riga, begegnen einem auch in Vilnius eine Fülle an Gegensätzen. Die pompöse Kathedrale St. Stanislaus mit separatem Glockenturm, das heilige Tor der Morgenröte als letztes noch erhaltenes Tor der alten Stadtmauern, verwinkelte kopfsteingepflasterte Gassen und unzählige Kirchen sind nur ein paar Highlights deines Stadtrundgangs durch Vilnius. Passiert man jedoch das Tor der Morgenröte oder verlässt an einem anderen Punkt die alten Stadtmauern, so steht man plötzlich und schlagartig im echten litauischen Leben. Oberleitungsbusse und graue, verfallene Bauten aus Sowjetzeiten. Von der aufwändig restaurierten Altstadt und den zahlreichen Souvenir Läden ist hier keine Rede mehr. Auch wenn Vilnius sichtbar nach westlichem Standard strebt, ist die längst vergangene Sowjetzeit in der Stadt noch allgegenwärtig. Zum krönenden Abschluss und Abschied kann man vom fußläufig schnell zu erreichenden Gediminas-Berg einen letzten Blick auf Vilnius von oben werfen, bevor es Richtung Danzig und der wundervollen polnischen Ostseeküste geht.

 

Danzig und polnische Ostseeküste (Tage 21 - 25)

    Auf dem Weg nach Danzig fährt man durch eine hübsche, hügelige polnische Natur, mit vereinzelten Seen rechts und links des Weges. Manchmal muss man wirklich nicht weit fahren, um an einem schönen Fleckchen Erde zu sein.
    Im wundervollen Danzig angekommen, ist man  mit Sicherheit nicht der/ die einizige TouristIn, aber dennoch gibt es ein absolutes Sightseeing Pflichtprogramm: Rechtstadt mit langem Markt und Rathaus, die wunderschönen bunten hansestädtischen Fassaden der Giebelhäuser, das begehrte Fotomotiv: Neptunbrunnen, Artushof und das grüne und goldene Tor. In der schmalen Frauengasse findet man sehenswerte architektonische Besonderheiten und allerlei Kunsthandwerk. Vor allem Bernstein gibt es hier an jeder Ecke zu kaufen. Ein besonderer Ort ist sicherlich auch das mittealterliche Krantor an der Mottlau. Während die Rückseite eher unscheinbar wirkt, so beeindruckt der Bau aus Stein und Holz eher auf der Flussseite. Östlich der Innenstadt kann man sich bei einem Spaziergang über die Speicherinsel etwas von den Menschenmengen erholen und einen anderen, tollen Eindruck von Danzig bekommen. Apropos Blick: vom Hagelsberg hat man einen schönen Überblick über die Stadt. Das malerische Danzig wirkt so authentisch mittelalterlich, dass man nur schwer glauben kann, welche Zerstörung im zweiten Weltkrieg hier vorlag. Erst danach wurde alles wieder aufgebaut.
   

Nun geht es die letzten hundert Kilometer an der absolut traumhaften polnischen Ostseeküste entlang. Man ahnt ja nicht wie häufig man an wunderschönen, feinsandigen, menschenleeren Stränden steht und aufs Wasser schauen kann. Wenn man Glück hat, kann man ein paar Wind- und KitesurferInnen vor der malerischen Kulisse eines Sonnenunterganges bestaunen. Zahlreiche Seebäder laden zum Besuch ein und eine kleine Besonderheit ist die atemberaubende Dünenlandschaft des Słowiński-Nationalparks bei Leba.

 

Fazit:
    Nun fragt man sich also, ob diese wunderbare Reise wirklich schon zu Ende ist. Die letzten vier Wochen mit ihren 9.000 km zu fassen, scheint unmöglich… zu schnell ist sie durch die Finger geglitten [oder: unter die Räder gekommen]. Wir haben acht Länder bereist, Metropolen wie Kopenhagen, Stockholm und Helsinki besucht, sind durch Nationalparks in Schweden, Norwegen, Finnland und Polen gewandert und haben berühmte Orte wie das Nordkap, den nördlichen Polarkreis und den geografischen Mittelpunkt Europas besucht. Von feinen Sandstränden, über nebelverhangene Berglandschaften und malerische Nadelwälder bis hin zu mückendominierten Seegebieten haben wir eine große Vielfalt der wundervollen Natur Nordeuropas kennengelernt. Wie sich ein paar Jahre später zeigt, werden wir Skandinavien nicht das letzte Mal besucht haben… aber zu diesem Zeitpunkt war es eine wundervolle, einmalige Reise entlang der so unterschätzten Ostseeküste.

 

Darf es noch ein wenig mehr Nordluft sein? Im Zuge unserer großen Europatour 2018/19 haben wir auch Skandinavien wieder besucht und mehr denn je lieben gelernt. [Norwegen, Schweden, Finnland]